Priv.-Doz. Dr. phil. habil.

Elke M. Geenen

Soziologin, Diplom-Geologin

Katastrophensoziologische Aspekte der Erdbebenkatastrophe in Erzincan am 13. März 1992

(Ms=6,8)

 

(c) by the author

Institut für Soziologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Olshausenstr. 40, D-24098 Kiel
Federal Republic of Germany
Tel. (0431) 880-2167, Fax (0431) 880-3467

Kiel 1993


Inhalt

 

1. Anlage, Quellen und Methodik der Untersuchung

2. Ausgangslage

2.1. Daten zur Bevölkerung in Erzincan

2.2. Historische Beben im Gebiet Erzincan

3. Ergebnisse der Untersuchungen in Erzincan

3.1. Situation in Erzincan bei Eintreffen der Task-Force-Gruppe

3.2. Anmerkungen zu den Bauvorschriften für Erzincan und ihre Umsetzung

3.3. Schäden der Infrastruktur

3.4. Ablauf der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen

3.5. Wahrnehmung und Verarbeitung von staatlichen und nichtstaatlichen Informationen (Warnungen, Rundfunksendungen, Gerüchte u. ä.)

3.6. Auslöser für Migration und Migrationserwägungen der Bewohner von Erzincan

3.7. Vorurteilsbildung und Interpretationsmuster

3.7.1. Vorurteilsbildung und Interpretationsmuster im Zusammenhang mit der Verteilung von Hilfsgütern

3.7.2. Migration und Abwertung der Bleibenden

3.7.3. Typen magisierender Erklärungsmuster der Katastrophenursachen

3.8. Katastropheninduzierte Traumatisierung

4. Probleme einer zentralstaatlich dominierten Katastrophenprophylaxe und -bewältigung

5. Zusammenfassung

5.1. Schlußfolgerungen und Empfehlungen für die Region

5.2. Schlußfolgerungen und Empfehlungen für Hilfe leistende Organisationen

5.3. Schlußfolgerungen und Empfehlungen für die Gestaltung der sozialwissenschaftlichen Komponente von Task-Force-Einsätzen

6. Literatur


1. Anlage, Quellen und Methodik der Untersuchung

In der teilnehmenden Begleitforschung wurden neben Beobachtungen vor Ort explorative Gespräche mit BewohnerInnen der Stadt Erzincan und umliegender Dörfer sowie Expertengespräche mit Vertretern regionaler und überregionaler Behörden anhand von Interviewleitfäden geführt. Unter anderem wurden einer der stellvertretenden Gouverneure der Provinz Erzincan, der Bürgermeister und der stellvertretende Bürgermeister von Erzincan befragt. Für die teilnehmende Beobachtung wurde die Möglichkeit eines mehrstündigen Aufenthaltes bei Bewohnern zweier Behelfsunterkünfte genutzt. Sofern die Gesprächspartner einverstanden waren, wurden die Interviews auf Tonträger aufgezeichnet.

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2. Ausgangslage

2.1. Daten zur Bevölkerung in Erzincan

Insgesamt lebten 1985 im Kreis Erzincan 139.000 Einwohner, 82.616 in der Stadt Erzincan und 56.392 in den übrigen Ortschaften (vgl. Erzincan 1990, Il Yîllîî, S. 10). Zum Kreis gehören zwei Stadtverwaltungen und 88 Dörfer (vgl. Erzincan 1990, Il Yîllîî, S. 24). Die Bevölkerungsdichte der Provinz liegt bei 26,3 Einwohner pro km² (vgl. Statistisches Bundesamt 1990, S. 23). Mit einem Anteil der städtischen Bevölkerung zwischen 20 bis unter 40 Prozent gehört Erzincan zu den Provinzen mit einer weitgehend ländlichen Siedlungsstruktur (vgl. Statistisches Bundesamt 1990, S. 25 f.).

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2.2. Historische Beben im Gebiet Erzincan

Der folgende Überblick über dokumentierte stärkere Erdbeben, die sich in den letzten 900 Jahren im Gebiet Erzincan ereigneten, zeigt, daß Erdbeben in dem Untersuchungsgebiet zu den Ereignissen gehören, die fast jede Generation treffen und oft große Schäden verursacht haben. Es ist heute in der Stadt keine historische Bausubstanz mehr erhalten. Nach dem Erdbeben von 1939 wurde das Stadtzentrum von Erzincan um einige Kilometer verlegt. Auch nach dem jüngsten Ereignis wird eine geringfügige Verlagerung des Stadtzentrums von Seiten des Afet Ileri Genel Müdürlüü erwogen. Bei diesem Beben wurden viele der durch das Beben 1983 beschädigten Gebäude zerstört.

 

Erdbeben im Gebiet Erzincan
Datum des Bebens Magnitude (M) Schadensbericht
1047 ? Erzincan wurde vollkommen zerstört.
1445 ?  
1457 ? 32.000 Menschen blieben unter den Trümmern.
1575 ? Große Schäden und Verluste an Menschenleben.
1584 ? 15.000 Menschen starben.
1661 ? 1.500 Menschen starben.
1782 ? Das Erdbeben ereignete sich in den frühen Morgenstunden. In Erzincan und der Umgebung wurde fast alles zerstört. Über 10.000 Menschen starben.
1888 ? Es entstand großer Schaden.
1920 ? Das Gewölbe der Izzetpaa Moschee wurde zerstört. Viele Häuser wurden unbewohnbar.
10. 12. 1930 ? In Erzincan: leichte Schäden und einige Verletzte.
21. 11. 1939 5,9 In Erzincan: 43 Menschen starben, recht viele wurden verletzt
26. 12. 1939 8,0 32958 Menschen starben, 100.000 wurden verletzt, 116.720 zerstörte Gebäude wurden registriert.
29. 12. 1939 5,2  
29. 12. 1939 4,8  
22. 4. 1940 5,2  
29. 5. 1940 5,5 In den Dörfern wurden 40 Gebäude zerstört.
8. 11. 1941 5,5 In Erzincan: leichte Schäden.
12. 11. 1941 5,9 15 Menschen starben, 100 wurden verletzt, in den Kreisen gab es Schäden.
14. 11. 1941 4,9  
10. 5. 1946 4,6  
9. 12. 1948 4,3  
22. 2. 1957 4,9  
9. 6. 1960 5,0  
26. 11. 1960 4,5  
1. 11. 1961 4,4  
16. 11. 1964 5,1  
16. 11. 1964 5,1  
3. 9. 1970 5,2 In der Umgebung von Erzincan I = 6. Schäden in den Dörfern der Kreise Refahiye, llîç und Kemah.
12. 9. 1970 ? Nach dem Schadensbericht wurden 21 Gebäude zerstört, 146 Gebäude stark und 645 Gebäude mittelstark beschädigt.
18. 11. 1983 5,8 Es wurden ca. 50 bis 150 Gebäude beschädigt. (Die Angaben der Quellen differieren.)
Zusammengestellt und übersetzt durch Geenen (1992)(1).
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3. Ergebnisse der Untersuchungen in Erzincan

3.1. Situation in Erzincan bei Eintreffen der Task-Force-Gruppe

Die Situation, die die Task-Force-Gruppe beim ihrem Eintreffen in Erzincan vorfand, läßt sich wie folgt charakterisieren:

  • Die S&R-Phase war in Erzincan abgeschlossen.
  • Seit ca. 10 Tagen wurden Räum- und Aufräumarbeiten durchgeführt.
  • Ein großer Teil der Bewohner Erzincans lebte noch in Zelten und anderen Notunterkünften (z. B. aus Brettern, Plastikplanen u. ä. gebauten Hütten, Wohn-/Bauwagen für Arbeiter).
  • Die Verteilung von Hilfsgütern (v. a. von Zelten) stockte mangels Nachlieferungen.
  • In der Stadt waren kaum Kinder und nur wenige Frauen zu sehen.
  • Fast lediglich Geschäfte, die unmittelbar (über-)lebensnotwendige Güter anbieten (Lebensmittel, Arzneimittel), hatten geöffnet. Daneben praktizierten Friseure. Kleidung wurde fast ausschließlich auf Märkten (Straßenständen) verkauft. Auffällig ist, daß die Nachfrage an den Straßenständen hoch schien, während in den Geschäften kaum gekauft wurde.

3.2. Anmerkungen zu den Bauvorschriften für Erzincan und ihre Umsetzung

Das Gebiet von Erzincan gehört zu den Regionen in der Türkei, für die die Gefahrenzone 1 ausgewiesen ist.(2) Die türkischen Bauvorschriften unterscheiden drei Gefahrenzonen, für die jeweils unterschiedliche Vorschriften gelten. Uns liegt eine Verordnung vor, die den seit 1975 geltenden Code enthält.(3) Ersichtlich wird aus der folgenden Übersicht, daß oberhalb des Kellergeschosses maximal zweistöckige Häuser zulässig sind.

Selbst die vorgeschriebene Zahl der Stockwerke wurde bei zahlreichen Bauten in Erzincan nicht eingehalten, obwohl die Kontrolle der Einhaltung dieses sichtbaren Merkmals keinerlei bautechnische Kenntnisse erfordert hätte. Auch bei öffentlichen Gebäuden (Krankenhäusern, Finanzamt) wurde die Vorschrift nicht beachtet.

Gebäude mit Keller in Erdbebengebieten 1. Grades
Zahl der Stockwerke und geringste Wandstärke (cm)
Zahl d. Stockwerke in Gebäuden mit Keller Naturstein Beton Ziegel

(Zahl der Ziegel)

Künstlich hergestellte Steine oder gefüllte Betonziegel
Keller 50 25 1,5 40
3 Erdgeschoß 50 - 1 30
1. Etage - - 1 30
2 Keller 50 25 1,5 40
Erdgeschoß 50 - 1 30
1 Erdgeschoß 50 - 1 30
Übersetzt durch Geenen (1992)(4)

 

Gebäude ohne Keller in Erdbebengebieten 1. Grades
Zahl d. Stockwerke in Gebäuden mit Keller Naturstein Beton Ziegel (Zahl der Ziegel) Künstlich hergestellte Steine oder gefüllte Betonziegel
2 Erdgeschoß 50 - 1,5
1. Etage - - 1 40
1 Erdgeschoß 50 - 1 30
Übersetzt durch Geenen (1992)(5)

Neben den unzureichenden Kontrollen von Bauplanung und Ausführung wird (von in der Regierung Tätigen) in der Bodenspekulation ein wesentlicher Grund für die Nichteinhaltung der Vorschriften gesehen.

Ein Behördenvertreter befürchtete, daß mancher jetzt aus Erzincan weggehe, sein Land sehr billig verkaufe, und andere, die mit Bauland spekulierten, dieses aufkauften. Die Preise für Bauland seien erheblich gesunken. Dürfte nur ein- bis zweistöckig gebaut werden, würde dies zu einem weiteren Verfall der Preise beitragen. Die Spekulation(6) mit Bauland sei vor allem dann lohnend, wenn höherstöckig gebaut werden dürfe. Aufgrund der Spekulation werde es nach wenigen Jahren wieder zum Bau höherstöckiger Häuser kommen. Um dies zu verhindern und weil es auch weiterhin keine funktionierende Baukontrolle geben werde, müsse von staatlicher Seite ermöglicht werden, daß die Bewohner eigene einstöckige Häuser bauen könnten (auch, um ihrer Migration entgegenzuwirken).

Selbst wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung migrieren würde, sei nicht mit einem "Aussterben" der Stadt zu rechnen. Vielmehr sei dann eine verstärkte Zuwanderung der Ärmeren aus den Dörfern zu erwarten.

Dieser Einschätzung ist zuzustimmen. Die katastrophenausgelöste Migration paßt sich ein in die großen, über mehrere Stufen laufenden Migrationsbewegungen in der türkischen Gesellschaft, die durch die ungleichen Lebenschancen in Städten und Dörfern (in letzteren dominiert oft noch Subsistenzproduktion) induziert werden.

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3.3. Schäden der Infrastruktur

  • Keines der drei Krankenhäuser der Stadt Erzincan war nach dem Beben funktionsfähig. Zwei der Krankenhäuser waren vollständig, eines teilweise zerstört. Das Gebäude der Schwesternschülerinnen brach zusammen(7). Von dem staatlichen Krankenhaus (Devlet Hastanesi) wurde ein Gebäudeteil zerstört, einer blieb noch stehen, allerdings stark beschädigt. Die ambulante (und im Notfall kurzfristige stationäre Versorgung) Kranker erfolgt in dem von Kîzîlay (Türkischer Roter Halbmond) aufgebauten Zelten im Stadion. Ausschließlich ambulant werden Patienten in einem Wohnwagen beim SSK-Krankenhaus (SSK Sigorta Hastanesi) versorgt.
  • Die Telefonzentrale fiel wg. Schäden für ca. 3 Stunden aus. Auch danach waren für insg. 10 Stunden wichtige koordinierende Telefonate zwischen Regierungs- und Verwaltungsstellen nicht möglich, da die Leitungen durch private Gespräche überlastet waren (nach 10 Std. waren "Rote Drähte" gelegt).
  • Die Verkehrsverbindungen waren lt. Auskunft eines Vertreters der Provinzregierung nach dem Erdbeben nicht unterbrochen.

3.4. Ablauf der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen

Die Darstellungen des Ablaufs der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen durch die zentrale Administration, in Ankara erscheinende Medien und Katastrophenhelfer konvergieren dahingehend, daß es bei diesen Maßnahmen zu zahlreichen Problemen und Unzulänglichkeiten in der Ausführung gekommen sei.

Demgegenüber präsentierten Vertreter der in Erzincan angesiedelten Behörden das Bild eines perfekten Organisationsablaufs während der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen.

Um den Ablauf von S&R sowie die Organisation und Verwaltung von Hilfen aus katastrophensoziologischer Perspektive mit hinreichender Sicherheit beurteilen zu können, wäre ein Aufenthalt möglichst unmittelbar nach dem Beben (wenige Tage danach, im Rahmen eines wissenschaftlichen "Quick-Alert"-Teams oder etwa gemeinsam mit der 1. Gruppe des THW) in dem Gebiet erforderlich.(8) Hier können weitgehend nur Berichte von Augenzeugen dargestellt werden.

Folgende Defizite wurden berichtet:

  • Soldaten und Bevölkerung waren bei der Organisation der Rettungsmaßnahmen weitgehend auf sich gestellt. Die Einschätzungen über die Beteiligung der Bevölkerung an Rettungsmaßnahmen divergiert. Während von Vertretern der Provinz- und Stadtverwaltung vorgebracht wird, die Bevölkerung sei durch den "Schock" und Furcht wie gelähmt gewesen, während die Beschäftigten der Provinz- und Stadtverwaltung ihre Pflicht erfüllt hätten, hatten sich Gesprächspartner z. B. an Rettungsmaßnahmen beteiligt und Verletztenfahrdienste organisiert.
    Aus der Perspektive externer Verwaltungsfachleute, die wenige Tage nach dem Erdbeben nach Erzincan kamen, ergab sich folgendes Bild der Situation: Der Gouverneur war zur Zeit des Bebens nicht anwesend. Diejenigen, die die Katastrophenmanagement-Maßnahmen hätten organisieren müssen, waren mit ihren Familien, der Rettung von Angehörigen, der Bilanzierung von Verlusten beschäftigt. Jeder hatte seine eigene Priorität im Kopf: Der eine die, Verschüttete zu retten, der andere seine Möbel, der nächste, die Toten zu beerdigen etc. Es gab zwar einen allgemeinen Plan des Vorgehens, der jedoch nur sehr langsam umgesetzt werden konnte.
  • Die Behörden in Erzincan waren weitgehend paralysiert. Dies wurde darauf zurückgeführt, daß mehr als die Hälfte der Zuständigen in der Verwaltung selbst unmittelbar durch das Beben betroffen war.
    • Die Verteilung von Zelten und Hilfsgütern erfolgte unsystematisch und chaotisch. Stellvertretende Gouverneure benachbarter Provinzen wurden regierungsseitig abgeordnet, sich an der Organisation der Hilfsmaßnahmen vor Ort zu beteiligen.
  • Die Rettungsmaßnahmen der Behörden wurden mit veralteten und für Verschüttete gefährlichen Methoden durchgeführt.
    • Der Einsatz des S&R-Teams des THW, das schon im Katastrophengebiet angelangt war, wurde zunächst als nicht notwendig abgelehnt.
    • Über die adäquaten Rettungsmethoden kam es zu Konflikten zwischen in- und ausländischen Helfern.
    • Die Aufräumarbeiten wurden zu früh (bereits drei Tage nach dem Beben) mit schwerem Räumgerät begonnen.
  • Noch 10 Tage nach dem Beben war die Wasserversorgung von Erzincan weitgehend außer Funktion.
    • Drei Tage nach dem Erdbeben waren vom THW Wasseraufbereitungsanlagen in das Gebiet verbracht worden. Ihre Installation wurde jedoch zunächst von der Provinz- und Stadtverwaltung als überflüssig deklariert.
  • Die S&R-Teams in der Türkei sind unzureichend aus- und fortgebildet. Suchhunde fehlen in der Türkei.
  • Vor der Katastrophe wurde ein veraltetes Szenario (die Situation beim Erdbeben von 1939) geübt.(9)
  • Von den deutschen Hilfsorganisationen ist das THW die einzige, die in einem Einsatzgebiet autark arbeiten kann. Die anderen benötigen komplementäre Ressourcen der örtlichen Behörden, um handlungsfähig zu sein (z. B. Lebensmittel, Funkverbindungen, Elektrizität, Fahrzeuge). Dadurch werden die ohnehin im Katastrophengebiet verknappten Ressourcen häufig überfordert.
  • Von Seiten einiger - auch deutscher - Katastrophenhilfsorganisationen wurde Katastrophentourismus in das Gebiet betrieben.
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3.5. Wahrnehmung und Verarbeitung von staatlichen und nichtstaatlichen Informationen (Warnungen, Rundfunksendungen, Gerüchte u. ä.)

  • Die Verluste an Menschenleben werden durch Betroffene weit höher eingeschätzt als durch Behördenvertreter. Ein Bewohner, der den Behördenangaben mißtraute, stützte sich auf die Aussage eines in einem Behelfskrankenhaus Arbeitenden (von offizieller Seite wurde die Zahl der Toten mit 502, der schwer Verletzten mit 800, der leicht Verletzten mit 200 angegeben. 350 Personen seien aus Trümmern befreit worden.). Bei Angaben über die Zahl leicht Verletzter ist auch vor dem Hintergrund dieser Untersuchung Skepsis angebracht, da von mir befragte Verwaltungsangehörige im von Kîzîlay betriebenen Behelfskrankenhaus nicht beziffern konnten, wie viele leicht Verletzte dort behandelt wurden.
  • Offerten, die sich auf den Wiederaufbau von Erzincan beziehen, wird nicht geglaubt.
  • So wurde von Befragten genau beobachtet, wie sich die Offerten von Tag zu Tag ändern.(10)
  • Alte Offerten, die nach dem Erdbeben von 1983 abgegeben worden waren, und an die immer noch erinnert wird, nach denen eine erdbebenresistente Bauweise versprochen wurde, wurden nicht eingelöst. Das legt für die Betroffenen nahe, daß den Offerten auch diesmal nicht geglaubt werden kann. Kritisch wurde aufgenommen, daß von Regierungsseite bereits wenige Tage nach dem Erdbeben die Notwendigkeit der Rückkehr zur "Normalität" verkündet wurde.(11) Interviewte fragten, zu welcher Normalität zurückgekehrt werden solle. Sie befürchteten restaurative Lösungen durch einen Wiederaufbau, bei dem notwendige Konsequenzen aus der Katastrophe nicht gezogen würden.
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3.6. Auslöser für Migration und Migrationserwägungen der Bewohner von Erzincan

Vertrauensverlust in die Behörden

  • durch nicht eingelöste öffentliche Versprechungen nach dem Erdbeben von 1983 (s. o.).
  • durch die Zweifel an der gerechten Verteilung der Hilfsgüter
  • durch die verspätete Funktionsfähigkeit der Behörden.

Die traumatisierende Erfahrung durch dieses Erdbeben.

  • Soziale Netze wurden in erheblichem Umfang zerrissen (Verwandte, Bekannte, Nachbarn sind gestorben; Verwandte, Bekannte, Nachbarn migrieren aus der Region).
  • Selbst Kernfamilien werden getrennt (Kinder werden zu Verwandten in andere Städte geschickt und laut Aussage von Betroffenen ist nicht zu erwarten, daß sie wieder zurückkehren).

Ökonomische Gründe.

  • Bewohner von Mietwohnungen (ohne gebundenes Kapital) migrieren leichter.
  • Menschen mit arbeitsmarktgängigen Qualifikationen migrieren leichter.

Überregionale Vernetzung von Migrationserwägenden

  • Kontakte zu Verwandten, ehemaligen Arbeitgebern in anderen Teilen der Türkei machen Migration eher vorstellbar und realisierbar.
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3.7. Vorurteilsbildung und Interpretationsmuster

3.7.1. Vorurteilsbildung und Interpretationsmuster im Zusammenhang mit der Verteilung von Hilfsgütern

Bei Katastrophen entwickeln sich häufig Konflikte über die Verteilung von Hilfsgütern. Interessant ist, entlang welcher sozial vorgezeichneten Linien diese Konflikte aufbrechen. Dabei muß zunächst offen bleiben, inwieweit diese Scheidelinien auf Alltagserfahrungen von Ungleichbehandlung rekurrieren und Beobachtungen im Zusammenhang mit der Verteilung von Hilfsgütern diesen Erfahrungen zugeordnet werden oder ob derartige Beobachtungen im Einzelfall zutreffend sind.

Diese Fragen sind im Zusammenhang mit dem grundlegenden Mißtrauen zu sehen, mit dem viele der Gesprächspartner die Organisation der Hilfsmaßnahmen betrachten. Es richtet sich nicht nur gegen die örtliche Verwaltung. Vielfach werden generalisierend anomische Tendenzen vermutet.(12)

Folgende Vermutungen über Ungleichverteilungen wurden angetroffen:

  • Sinti und Roma würden sich Hilfsgüter aneignen, die den Eigenbedarf erheblich überstiegen, und diese auf dem Schwarzmarkt teuer verkaufen.
  • Bewohner von Städten glaubten, Zelte und andere Hilfsgüter würden in erheblich größerem Umfang an die Dörfer verteilt.
  • Dorfbewohner (v. a., wenn sie einer ethnischen Minderheit angehörten) meinten, die Zelte würden an Dörfer mit der Majorität angehörigen Bewohnern verteilt.

Der letztgenannte Punkt kann zu lang anhaltenden und entwicklungshemmenden Konflikten zwischen Dörfern führen, indem durch die Art der Verteilung neue Konfliktmuster - die sich unter Umständen über Jahrzehnte halten können(13) - gelegt werden.

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3.7.2. Migration und Abwertung der Bleibenden

Unter Befragten, die beabsichtigen, in ein anderes Gebiet der Türkei zu migrieren, entwickeln sich neue Wahrnehmungsmuster gegenüber denjenigen, die bleiben. Dabei finden Vorurteilsbildungen zu Lasten ethnischer Minoritäten statt.(14) Zu befürchten ist, daß Minoritäten erhöhtem sozialem Druck ausgesetzt sein werden. Den Bleibenden wird (auch von Behördenseite) ein niedriger sozialer Status, insbesondere Armut, zugeschrieben. Dies könnte einen selbstverstärkenden Prozeß induzieren, indem diejenigen, die den Wiederaufbau von Erzincan tragen könnten, die Region verlassen.

Die Abwertung der Bleibenden könnte zudem auch als Teil eines Identitätsmanagements interpretiert werden, das den Migrierenden das Aufgeben der Orte und der sozialen Netze, innerhalb derer sie ihr Leben eingerichtet hatten, erleichtert.

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3.7.3. Typen magisierender Erklärungsmuster der Katastrophenursachen

Zwei Typen des Wandels von Erklärungsmustern konnten ermittelt werden. Sie betreffen nicht nur die Deutung der Gründe für die Auswirkungen des Ereignisses, sondern es werden dabei Ereignisse - magisierend - in neue Zusammenhänge gestellt:

1. Da sich das Beben während des Fastenmonats Ramadan zur Gebetszeit ereignete, waren viele der Bürger Erzincans in Moscheen. Keine der Moscheen in Erzincan wurde durch das Beben zerstört. Zwar wurden die Minarette mehrerer Moscheen zerstört, aber nur in einem Fall (im Dorf Demirkent, in der Nähe der Stadt Erzincan) durchschlug das herabstürzende Minarett das Holzdach der Moschee und traf den Teil, in dem sich die Frauen und Kinder aufhalten. Es starben insgesamt 26 Personen.

Beim ersten Erklärungstyp werden diese schwerwiegenden Bebenfolgen verdrängt und hervorgehoben, daß in keiner Moschee Menschen zu Schaden gekommen seien. Dies wird religiös interpretiert. In den Antworten ist das Bemühen erkennbar, einfache Erklärungsmuster zu entwickeln, die in sich schlüssig sind. Dieser Erklärungstyp wurde bei Menschen vorgefunden, die nicht in unmittelbarer Nähe dieses Ereignisses gelebt haben. Eine Befragte, die in der Nähe dieser Moschee lebte, äußerte die Einschätzung, daß die Religiosität der Menschen in dem Dorf z. T. erheblich nachgelassen habe, da sich auch die Moscheen nicht als sichere Orte erwiesen hätten. Dieses Beispiel zeigt, daß sich je nach Betroffenheit lokal unterschiedliche Interpretationslinien herausbilden.

2. Die in einem Interview zunächst genannten rationalen Erklärungen(15) wurden im Ablauf des Gesprächs immer mehr durch magische Komponenten überlagert, ohne daß dieser Wandel erkannt oder explizit angesprochen wurde. Als magisierende Erklärung wurde genannt, daß "in den Hotels und manchen Häusern gesündigt worden sei". Es gebe dort sündige Frauen. Es habe Leute gegeben, die beobachtet hätten, wie diese Frauen v. a. aus einem Hotel (im Zentrum des Ortes) gekommen seien. Daran habe man es erkennen können. Das Hotel sei vollständig zerstört worden.(16) Der Gesprächspartner sah die Zerstörung gerade dieser Häuser in der Lebensweise ihrer aktuellen Bewohnerinnen begründet (Gottesstrafe).

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3.8. Katastropheninduzierte Traumatisierung

  • Kinder sind durch das Beben traumatisiert. Viele Eltern schicken ihre Kinder zu Verwandten in anderen Teilen der Türkei. Befragte Eltern nehmen an, daß sie ihr(e) Kind(er) nicht mehr zurückholen können.
  • Auch Bewohner nicht beschädigter Häuser übernachten in Zelten und anderen Behelfsunterkünften. Auf Nachfragen wird dies mit dem mangelnden Zutrauen in die Einsturzsicherheit ihrer Häuser, v. a. bei Nachbeben begründet. Die Erdbebenresistenz ihrer Häuser können sie weder selbst beurteilen noch hinreichend schnell Fachleute hinzuziehen.(17) Weiter wird bei den die Schäden Aufnehmenden eine Verzerrung dahingehend vermutet, daß sie Schäden und Risiken unterbewerten. Gestützt wird diese Vermutung durch Beobachtungen, daß die Gutachter Häuser nur äußerst oberflächlich und unvollständig inspizieren. Das Verfahren der Begutachtung ist nicht geeignet, Vertrauen in das Urteil der Gutachter zu begründen. In Fällen, in denen die subjektive Schadenseinschätzung von Betroffenen die der Gutachter überstieg, vermuteten Gesprächspartner, daß möglicherweise Versicherungsleistungen, Versicherungsprämien, Ansprüche an die Vergabe von zinsbegünstigten Krediten und andere staatliche Hilfeleistungen reduziert werden sollten.
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4. Probleme einer zentralstaatlich dominierten Katastrophenprophylaxe und -bewältigung

Katastrophen werden als plötzlich hereinbrechende Ereignisse wahrgenommen. Tatsächlich sind ihre sozialen Entstehungsursachen jedoch langfristig angelegt. In der Katastrophe wird das Scheitern der Bemühungen vieler Menschen unübersehbar. Als Besonderheit der Wirkungen des Erdbebens in Erzincan ist bedeutsam, daß hier eine Provinzhauptstadt getroffen wurde, d. h. der Ort, an dem die wesentlichen Entscheidungen zu Beginn der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen gefällt und die Maßnahmen koordiniert werden müssen. Nach Schätzungen des Direktors des Afet Ileri Genel Müdürlüü war jeder zweite in Erzincan in Provinzregierung und Verwaltung Tätige von dem Beben unmittelbar betroffen. Der Provinzgouverneur war zur Zeit des Bebens nicht anwesend. Die Koordination der Katastrophenhilfsmaßnahmen mußte daher während dieser Zeit von den drei stellvertretenden Gouverneuren übernommen werden. Die Verwaltung erwies sich vor allem in den ersten Stunden nach dem Erdbeben als weitgehend nicht in der Lage, die notwendigen Koordinationsfunktionen für die Rettungsmaßnahmen zu leisten. Aber gerade die ersten Stunden nach einer Katastrophe sind für die Chancen, Überlebende zu retten, entscheidend. Als besonders prekär muß bezeichnet werden, daß - so die Aussagen von Betroffenen - das Militär unmittelbar nach dem Beben die einzige regional handlungsfähige Organisation war. Das zeigt, wie dringend der Aufbau effektiv arbeitender regionaler Katastrophenschutzorganisationen (Koordination, S&R) erforderlich wäre. Zudem wäre eine Orientierung an einem bereits früh entwickelten Copability-Profile (vgl. Dombrowsky 1983, S. 99 ff.) zu empfehlen. Das zugrundeliegende 6-Phasen-Modell (LIDPAR) reicht von einer frühen Phase, in der noch Ungewißheit über die Fortentwicklung eines potentiell bedrohlichen Ereignisses besteht, bis zur Aktionsphase, in der der Erfolg der Katastrophenbewältigungsmaßnahmen kontrolliert und die Strategie gegebenenfalls angepaßt wird. Das Copability-Profile bietet phasenspezifische Kriterien zur Diagnose der Preparedness der Katastrophenbewältigung (Vergleichsmöglichkeiten zwischen Ist- und Sollzustand) und kann auch, als Prognoseraster verwendet, die Bewältigungschancen verbessern (vgl. Dombrowsky 1983, S. 101).

An den Koordinationsproblemen in der S&R-Phase und bei der Verteilung von Hilfsgütern wird ein Dilemma der Provinzverwaltung deutlich. Die türkische Verwaltung ist zentralistisch aufgebaut. Provinzverwaltungen sind alltäglich, insbesondere aber im Katastrophenfall, auf Ressourcen, Anweisungen und Expertenwissen aus Ankara angewiesen. Im Katastrophenfall müssen sie jedoch - zumindest solange Informationswege, Anweisungsketten und Nachschubverbindungen unterbrochen sind - vorübergehend selbständig und mit eigenen Mitteln handeln. In dieser Situation fehlt es an Ressourcen und Erfahrungen im disaster coping. Da Ressourcen zentral zugewiesen werden, kann die Provinzregierung keine verbindlichen Offerten abgeben, was ihre Position zusätzlich schwächt. Alle Hoffnungen und Erwartungen der Bevölkerung richten sich - folgerichtig - auf die Zentralregierung, während die Provinzregierung überwiegend örtliche Verteilungsfunktionen wahrnimmt. Distributionsleistungen erfordern immer eine erhöhte Legitimation. Die Provinzregierung hat kaum die Chance, den Legitimationsbedarf aus anderen Quellen zu kompensieren, weil alle wichtigen Fragen durch Ankara geregelt, alle wichtigen Ressourcen (z. B. Behelfsbauten) durch Ankara bereitgestellt und auch Kontrollfunktionen und Schadensaufnahme durch Ankara wahrgenommen werden. Die hohe Angewiesenheit - insbesondere in Katastrophen - auf Ressourcen und Direktiven der Zentrale wird darüber hinaus den Bewohnern gerade in dieser Situation die Randlage ihrer Provinz verdeutlichen und den Migrationssog in die Zentren verstärken.

Grundsätzlich bestünden zwei Möglichkeiten, die Einhaltung von technischen Normungen (Bauqualität, Bauausführung) und die Preparedness für katastrophische Ereignisse zu verbessern:

  1. durch den Aufbau einer zentral gesteuerten, mit Sanktionsmacht, hinreichend schnellen Informations- und Entscheidungswegen sowie entsprechenden Ressourcen versehenen Kontrollorganisation. Dieser Weg erscheint jedoch weder legitimierbar noch finanzierbar.
  2. durch den Aufbau dezentraler (auf Provinzebene) Handlungs-, Entscheidungs- und Interventionsstrukturen, die die postkatastrophische Handlungslücke auffüllen können, den unmittelbaren Zugriff auf regionale Informationen haben und in der Lage sind, den regionalen Problemdruck in diskussions- und konsensfähige Aktion umzusetzen. Dazu wäre dezentral die Qualität der Verwaltung zu verbessern, wären ihr in bestimmtem Umfang Gestaltungsoptionen einzuräumen, insbesondere die, eigene, auf regionale Bedürfnisse abgestimmte Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten, Katastrophenprophylaxe sowie dezentrale Informationsprogramme und Beratungskapazitäten zu entwickeln.

Empfehlungen: Katastrophenszenarien für Übungszwecke sollten sich hinsichtlich ihrer Annahmen über das Verhalten von Bewohnern und Verwaltungen nicht allein auf Alltagstheorien stützen, sondern die reichlich vorliegenden Erkenntnisse der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung nutzen und ggf. durch regionale Studien für die örtlichen Verhältnissen spezifizieren lassen. Unreflektierte Vorstellungen über Massenpanik und Massenflucht nach Katastrophen könnten dann differenziert werden und zu realistischen Übungsszenarien führen.

Die hier eingetretene Situation, daß eine Provinzhauptstadt und mit ihr die Regierung/Verwaltung durch ein schweres Erdbeben getroffen wird, hätte in Katastrophenübungs-Szenarien berücksichtigt und entsprechend eingeübt werden müssen. Dabei wären auch Aspekte zu berücksichtigen, die geeignet sind, ein vorübergehendes Ausfallen des regionalen Entscheidungszentrums zu verhindern. Zudem sollte die Bevölkerung mit Katastrophenschutzplänen vertraut gemacht werden.

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5. Zusammenfassung

5.1. Schlußfolgerungen und Empfehlungen für die Region

Leitende Angestellte und Beamte von Provinz- und Stadtregierung sollten in effektivem Katastrophenmanagement geschult werden.

Die Konstellation, daß das regionale Entscheidungszentrum (vorübergehend) ausfällt, sollte in Katastrophenübungs-Szenarien berücksichtigt werden. Zudem sollte die Bevölkerung mit Katastrophenschutzplänen vertraut gemacht werden.

Wir haben im Katastrophengebiet eine tiefgreifende Verunsicherung der Menschen darüber vorgefunden, ob ihre Häuser einsturzgefährdet sind, ob sie zu erwartenden Nachbeben oder einem befürchteten neuen, starken Beben standhalten können. Zum Teil ist nicht einmal bekannt, daß es Möglichkeiten gibt, erdbebenresistent zu bauen.

Es wird empfohlen, als langfristige prophylaktische Maßnahme dezentral angesiedelte Beratungsstellen für die Bewohner von ländlichen Regionen und Städten einzurichten. Sie sollten

  1. bei Neubauten Bewohner über Möglichkeiten der erdbebenresistenten Bauweise beraten;
  2. Bewohner beraten, ob und wie ihre erdbebengeschädigten Häuser repariert und verstärkt werden können;
  3. regelmäßig Kurse durchführen, um über Erdbeben und deren Wirkungen zu informieren und darüber unterrichten, wie man sich alltäglich und im Falle eines Erdbebens verhalten sollte (Beispiele: Aufstellen von Mobiliar, Deponieren von Rettungsgeräten). Dadurch wird auch verhindert, daß die Bebengefahr nach einer Katastrophe schnell wieder aus dem Bewußtsein verschwindet.

Gespräche mit Bewohnern ließen die Gefahr erkennen, daß ein größerer Teil der Bevölkerung Erzincan auf Dauer verläßt.

Es wird empfohlen, erhebliche Anstrengungen zu unternehmen, Vertrauen zwischen Behörden und Bevölkerung aufzubauen, damit die Menschen im Gebiet eine Zukunft für sich sehen. Wesentliche Voraussetzungen dafür sind, daß Regierungs- und Verwaltungshandeln transparent erscheinen und daß Versprechen von offizieller Seite eingelöst werden.

Darüber hinaus wäre zu erwägen, die Bevölkerung durch

  • Beschäftigungsmaßnahmen
  • zinsfreie oder zinsbegünstigte Kredite
  • finanzielle Anreize und
  • Entlastung von Abgaben

zum Bleiben zu ermutigen.

Um den mangelhaften/fehlenden Baukontrollen und Selbstkontrollen entgegenzuwirken, sind besondere Maßnahmen erforderlich:

  • Baufirmen könnten gesetzlich verpflichtet werden, bei jedem neu erstellten Gebäude schriftlich auszuweisen, für Erdbeben bis zu welcher Magnitude es ausgelegt ist.
  • Der Besitzer/Käufer des Hauses könnte durch Experten feststellen lassen, ob die von der Baufirma/vom Verkäufer ausgewiesene Resistenz einer Bau- und Materialprüfung standhält.

Ist die Resistenz zu hoch ausgewiesen, wäre der (Vermögens-)Schaden einklagbar. Dieses Prinzip der Selbsteinschätzung bietet für das Bauunternehmen eine Prämie auf die realistische Deklaration der Erdbebenresistenz: Gibt es eine zu hohe Magnitude an, für die das Haus ausgelegt sein soll, kann der Käufer klagen, wird eine niedrigere Sicherheitsstufe ausgewiesen, finden sich unter Umständen keine Käufer.

Es wäre erforderlich, die Gebäude vor allem in Erdbebengebieten der Gefahrenzone 1 auf breiter Basis gegen Erdbebenschäden zu versichern. Dies wäre in Schadensgebieten dadurch zu erreichen, daß staatliche Baukredite an das Bestehen oder Eingehen einer Erdbebenversicherung gebunden würden.

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5.2. Schlußfolgerungen und Empfehlungen für Hilfe leistende Organisationen

Ein großer Teil der Bevölkerung von Erzincan lebte zum Zeitpunkt der Task-Force-Bereisung noch in Zelten und anderen Notunterkünften. Auch Familien, deren Häuser nicht oder kaum beschädigt sind, wollten aus Angst vor einem neuen, starken Beben noch nicht in ihren Häusern übernachten. Die Angst ist neben der traumatisierenden Wirkung des Bebens auch darin begründet, daß der Bevölkerung die Möglichkeit fehlt, die Sicherheit ihrer Häuser einzuschätzen. Befragte Bewohner erinnern sich noch gut an das Beben von 1983, bei dem aus ihrer Sicht keine hinreichenden Konsequenzen aus den aufgetretenen Schäden gezogen wurden.

Wegen der Knappheit der im Katastrophengebiet zur Verfügung stehenden Hilfsgüter (vor allem Zelte) kommt es zu Gerüchten, Vorurteilsbildung und Verteilungskonflikten. Darüber hinaus steigt der Preis, wenn existenziell notwendige Güter knapp sind. Korruption, unrechtmäßige Aneignung und die Bildung von Schwarzmärkten können die Folge sein.

Nach einem Erdbeben dieser Stärke kann die Anzahl zerstörter oder schwer beschädigter Häuser daher nicht der Maßstab für den Bedarf an Zelten sein.

Empfohlen wird, jedem Haushalt ein Zelt zur Verfügung zu stellen, damit Angst abgebaut, Verteilungskonflikte vermieden und gemeinsame Anstrengungen gefördert werden.

Hilfsorganisationen sollten sich so ausrüsten, daß sie bei Einsätzen im Katastrophengebiet regionale Ressourcen nicht unnötig belasten müssen.

Die internationale Kooperation der Hilfsorganisationen in hochindustrialisierten Ländern mit solchen in Schwellen- oder Entwicklungsländern sollte erheblich gefördert werden. Vor allem ist ein verstärkter Austausch über technische Verfahren der Rettung dringlich.

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5.3. Schlußfolgerungen und Empfehlungen für die Gestaltung der sozialwissenschaftlichen Komponente von Task-Force-Einsätzen

Um den Ertrag der soziologischen Task-Force-Beteiligung zu steigern, sollte ein Weg gefunden werden, daß zumindest ein Sozialwissenschaftler möglichst früh (innerhalb der S&R-Phase) die Arbeit im Katastrophengebiet aufnehmen kann. Anzustreben wäre eine Mitfluggelegenheit mit der ersten (deutschen) Helfergruppe.

Vor Ort wurde die Möglichkeit, analytische Probleme unter Sozialwissenschaftlern zu erörtern, um Fehldeutungen und "blinde Flecken" zu vermeiden, vermißt. Die Kommunikation mit den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Kollegen war sehr hilfreich, kann aber den innerfachlichen Diskurs nicht ersetzen. Deshalb wäre ein zweiköpfiges Soziologenteam, welches nicht unbedingt synchron, aber mit überlappenden Phasen eingesetzt werden müßte, zu empfehlen.(18)

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6. Literatur

Dombrowsky (1983), Wolf R. Dombrowsky, Vom 'Stage Model' zum 'Copability Profile'. Katastrophensoziologische Modellbildung in praktischer Absicht, in: Lars Clausen & Wolf R. Dombrowsky (Hg.), Einführung in die Soziologie der Katastrophen, Bonn (Osang) 1983, S. 81 - 102.

Erzincan 1990, Il Yîllîî [Jahrbuch der Provinz Erzincan], hgg. vom Gouverneur der Provinz Erzincan, o. O., o. J.

Geenen (1990): Elke M. Geenen, Risiken und Chancen von Erdbebenvorhersagen aus katastrophensoziologischer Sicht. Untersuchungen zu ihren Bedingungen in einem Risikogebiet der Westtürkei, Kiel (DFG 28/8-1) 1990.

Statistisches Bundesamt (1990), Länderbericht Türkei 1989, Wiesbaden 1990.

Tabban (1980), Ahmet Tabban, Kentlerin Jeolojisi ve Deprem Durumu, hg.: T.C. Imar ve Iskan Bakanlîgî, Afet Ileri Genel Müdürlüü, Ankara 1980.

T. C. Imar ve Iskan Bakanlîgî. Deprem Aratîrma Enstitüsü Bakanlîgî (1975), Afet Bölgelerinde Yapîlacak Yapîlar Hakkînda Yönetmelik, Ankara 1975.

T. C. Bayîndîrlîk Iskan Bakanlîgî. Afet Ileri Genel Müdürlüü (1991), Afetlerde Ilikin Acil Yardîm Tekilatî ve Planlama Esaslarîna Dair Yönetmelik, Ankara 1991.

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Anmerkungen:

1. Quelle für die Beben zwischen 1930 und 1970: Tabban 1980, S. 133.

Quelle für die Erdbeben zwischen 1047 und 1920: Erzincan 1990, S. 10. Die Präzision dieser Angaben verdient nur eingeschränktes Vertrauen. So sind die Verluste und Schäden des Erdbebens vom 27. Januar 1939 nur etwa halb so hoch angegeben wie bei Tabban (1980), bei dem Beben vom 18. Nov. 1983 habe es weder Schäden noch Verluste an Menschenleben gegeben, während nach Aussagen von Experten des Erdbebenforschungsinstituts in Ankara ein Teil der 1983 beschädigten Gebäude bei dem Beben vom 13. März 1992 zerstört wurden.

2. "Die türkische Zeitung "Tercuman" berichtete, wegen der Erdbebengefahr seien zwar höchstens dreigeschossige Gebäude erlaubt, jedoch seien fast alle der 200 bei dem Beben vom Freitag in Erzincan eingestürzten Gebäude höher gewesen" (FR, 17. 3. 1992, Nr. 65, S. 20).

3. 1975 wurde er durch das Erdbebenforschungsinstitut in einer Broschüre veröffentlicht: Vgl. T. C. Imar ve Iskan Bakanlîgî. Deprem Aratîrma Enstitüsü Bakanlîgî (1975).

4. T. C. Imar ve Iskan Bakanlîgî. Deprem Aratîrma Enstitüsü Bakanlîgî (1975, S. 52).

5. T. C. Imar ve Iskan Bakanlîgî. Deprem Aratîrma Enstitüsü Bakanlîgî (1975, S. 52).

6. Ein Gesprächspartner (Besitzer eines durch das Beben zerstörten großen Geschäftes) beabsichtigte, in jedem Fall mit seiner Familie aus Erzincan zu migrieren. Allerdings sei es denkbar, daß er in der Stadt dennoch neue Häuser errichten werde.

7. Lt. Aussage einer Schwester starben 27 Schwesternschülerinnen, 13 konnten gerettet werden.

8. Dabei könnten den örtlichen, nationalen und internationalen Organisationen auch im Rahmen von Beratungsangeboten die Erfahrungen aus früheren Task-Force-Einsätzen und den Erkenntnissen der Katastrophenforschung nutzbar gemacht werden.

9. Leider konnte das Szenario nicht eingesehen werden. Der stellvertretende Gouverneur erteilte die Auskunft, es sei geheim.

10. Befragter: Unser Ministerpräsident Demirel sagt, daß sie Kredit geben, daß die Leute die Stadt nicht verlassen sollen. Deswegen wollen sie Kredit geben.
EG: Wann hat er das gesagt?
Befragter: Vor einer Woche, glaube ich. Erst haben sie gesagt, sie geben Kredit, ohne Zinsen. 20 Jahre wollten sie Kredit geben, haben sie gesagt. Am zweiten Tag haben sie gesagt, sie geben Kredit mit wenig Zinsen und am dritten und vierten Tag haben sie gesagt, Leuten, die ein Drittel ihres Kapitals verloren haben, geben sie nichts. Die, die nur noch weniger als die Hälfte haben, bekommen Kredit - vielleicht aber nur. Ich glaub nicht, daß sie etwas bekommen.
EG: Also Sie glauben daran nicht. Und wie ist es mit anderen, mit denen Sie sprechen? Glauben die daran?
Befragter: Die glauben auch nicht daran. Die geben schon. Die geben an bestimmte Leute. (Er glaubt, daß vor allem Mitglieder der Regierungsparteien unterstützt würden.)

11. "Das Leben muß weitergehen", sagte Präfekt Recep Yazîcî olu" (vgl. taz, 17. 3. 1992, S. 10).

12. Ein gut deutsch sprechender Mann sprach Teilnehmer der Task-Force-Gruppe an: "Sehen Sie, da drüben stehen zwei Wagen von Unicef. Da werden gerade Hilfsgüter versteckt". Tatsächlich konnte aber festgestellt werden, daß nur Benzin vom einen in den anderen Wagen umgeladen wurde.

13. Dies ist aus anderen Türkei-Untersuchungen (vgl. Geenen 1990) bekannt.

14. So antwortete ein Mann, der sich mit Migrationsabsichten trug und der Ansicht war, daß viele Erzincan verlassen werden, auf die Frage, wer denn in Erzincan bleiben werde: "Die Zigeuner".

15. Sie (der Befragte und seine Angehörigen) hätten die Schäden des 83er Bebens erlebt. Bauvorschriften wären auch danach nicht eingehalten worden, obwohl deren Einhaltung verwaltungsseitig zugesagt worden war. Er habe daher das Vertrauen in die Versprechungen und Zusagen von Behördenvertretern verloren. Er und seine Familie bereiteten zur Zeit des Interviews ihre Migration in ein anderes Gebiet der Türkei vor.

16. Er bezieht sich auf ein Hotel, das bereits bei dem Beben von 1983 stark beschädigt wurde.

17. Unser Team wurde oft angesprochen mit der Bitte, die Schäden der jeweiligen Häuser anzusehen und zu beurteilen sowie die Erdbebenresistenz einzuschätzen.

18. In geschlechtlich stark segmentierten Gesellschaften, in denen männliche Forscher nicht immer Zugang zu Frauen in Katastrophengebiet haben und umgekehrt, wäre ein gemischtgeschlechtliches Team ideal, aber vermutlich nicht immer realisierbar, da das Rekrutierungspotential an geeigneten Sozialwissenschaftlern mit Erfahrungen in der Katastrophenforschung und zumindest rudimentären Sprach- und Landeskenntnissen für das betroffene Gebiet begrenzt ist.

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Weiterer Link:

Das Erdbeben von Erzincan aus geophysikalischer Sicht

 

 

 

 

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